Schiffshebewerke am Canal du Centre

Schiffshebewerk Strépy-Thieu Foto: Jiří 7256 – 1024x768 (Flickr)

– Fotoreport von Jobs Weingart und Jiří 7256 –

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand in Belgien der Plan, eine Verbindung vom Kanal Charleroi – Brüssel zum um einiges tiefer gelegenen Canal de Mons à Condé zu errichten, über den die Schifffahrt von der Maas auf die Schelde gelangen sollte. Dabei war auf einer kurzen Entfernung von nur einigen Kilometern ein Höhenunterschied von 66 Meter zu überwinden. Der Mangel an natürlichen Wasserläufen auf der Hochebene von Charleroi machte dabei den Bau von Schleusen unmöglich. So entstand die Idee, nach englischem Vorbild mehrere Schiffshebewerke zu errichten. Dort war im Jahr 1875 bei Anderton im Nordwesten des Landes ein hydraulisches Hebewerk eröffnet worden, das bei geringem Wasserverlust eine Höhe von 15 Metern überwindet.

Dessen Erbauer, Edwin Clark, arbeitete einen Plan aus, nach dem der Kanal mit vier solcher Hebewerke realisiert werden sollte. Jede der weitgehend baugleichen Konstruktionen sollte dabei eine Höhe von etwa 15 bis 17 Metern überwinden. 1882 beschloss die belgische Regierung die Realisierung des Plans und schon acht Jahre später konnte das erste Heberwerk bei Houdeng-Goegnies in Betrieb genommen werden. Somit waren die Kohlegruben im Raum La Louvière über Charleroi an das Wasserstraßennetz angeschlossen.

In der Folge führten jedoch politische Auseinandersetzungen wegen der hohen Kosten zu Verzögerungen und der Bau zog sich bis in den Ersten Weltkrieg hinein. Erst 1917, unter deutscher Besatzung, konnte der Kanal mit den drei weiteren Hebewerken in Houdeng-Aimeries, Strépy-Bracquegnies und Thieu sowie mehreren beweglichen Brücken in voller Länge in Betrieb gehen.

Schiffshebewerk Nr. 3 bei Strépy-Bracquegnies in Betrieb Foto: Jiří 7256

Schiffshebewerk Nr. 1 bei Houdeng-Goegnies Foto: Jiří 7256 – 1024x768 (Flickr)

Infotafel am Schiffshebewerk Nr. 1 bei Houdeng-Goegnies Foto: Jiří 7256

Bei den Anlagen handelt es sich um hydraulisch angetriebene, so genannte Presskolben-Schiffshebewerke: Die Tröge, in denen die Schiffe angehoben werden, lagern auf großen Kolben, die sich in unterirdischen Zylindern bewegen. Beim Betrieb senkt sich ein Trog, während das Wasser in den Zylinder unter dem anderen gedrückt wird und diesen somit anhebt. Dazu muss der sich hebende Trog einen geringeren Wasserstand aufweisen als der sich senkende. Zum Heben und Senken der Trogtore wird ebenfalls hydraulische Engergie verwendet, die in besonderen Kraftwerken erzeugt wird. Die Anlagen können Schiffe von bis zu 300 Tonnen Gewicht transportieren.

Im Jahr 1998 wurden die vier noch weitgehend im Originalzustand befindlichen Hebewerke in die UNESCO-Weltkulturerbeliste aufgenommen. Zu dieser Zeit war die Neutrassierung des Kanals im Bereich La Louvière schon in Bau. Seit deren Fertigstellung im Jahr 2002 verkehren nur noch Ausflugsboote über den historischen Kanal.

Die Standorte der vier historischen Hebewerke sind auf der Karte blau markiert. Die rote Markierung zeigt das neue Schiffshebewerk Strépy-Thieu an, die grüne die Kanalbrücke Sart. Die gelben Markierungen zeigen die Standorte zweier historischer Drehbrücken.

Schiffshebewerk 1 – Houdeng-Goegnies

© Jobs Weingart

Foto: Jiří 7256

Das erste Hebewerk liegt an der schmalen Landstraße Rue Tout-y-fout in der Nähe des Industriehafens von La Louvière. Im Jahr 2001, noch vor der Fertigstellung des neu trassierten Kanalabschnitts, erreignete sich hier ein Unfall: Bei der Ausfahrt eines Lastkahns aus dem Trog begann sich dieser zu heben. Das Schiff zerbrach in zwei Teile, die Besatzung konnte sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Durch den Unfall wurde der Tormechanismus des Hebewerks zerstört und die durchgehende Schiffahrt blieb bis zur Eröffnung des neuen Abschnitts unterbrochen. Die Reparaturarbeiten dauern bis heute an – so ist auch für die Ausflugsboote derzeit kein durchgehender Verkehr möglich. Wegen der Reparaturarbeiten sind hier beide Tröge abgesenkt.

Foto: Jiří 7256

Drehbrücke in Houdeng-Aimeries

Einige Kilometer westlich, in Houdeng-Aimeries, befindet sich eine handbetriebene Drehbrücke. Ein Foto ist auf der offiziellen Seite des Canal du Centre zu sehen.

Schiffshebewerk 2 – Houdeng-Aimeries

Foto: Jiří 7256 – 1024x768 (Flickr)

Foto: Jiří 7256

Hebewerk Nr. 2 befindet sich am westlichen Ortsrand von Houdeng-Aimeries und ist gut vom folgenden Hebewerk Nr. 3 zu Fuß erreichbar.

Schiffshebewerk 3 – Strépy-Bracquegnies

© Jobs Weingart

Foto: Jiří 7256 – 1024x 768 (Flickr)

Der linke Trog hebt sich Foto: Jiří 7256

Abgestellter Touristikzug neben dem Hebewerk Foto: Jiří 7256

Einige hundert Meter weiter, bei der Anlegestelle von Strépy-Bracquegnies befindet sich das nächste Schiffshebewerk. Von hier beginnen Demonstrationsfahrten mit dem auf dem zweiten Foto abgebildeten Ausflugsboot.

Drehbrücke in Strépy-Bracquegnies

Foto: Jiří 7256

Die Drehbrücke in Normalstellung Foto: Jiří 7256

Kurz vor der Durchfahrt eines Ausflugsbootes Foto: Jiří 7256 – 1024x768 (Flickr)

Etwas weiter westlich befindet sich eine weitere Drehbrücke. In unmittelbarer Nähe steht das ehemalige Wohnhaus des Brückenwärters.

Foto: Jiří 7256

Schiffshebewerk 4 – Thieu

Das letzte der vier Schiffshebewerke befindet sich in Thieu, unweit des neuen Kanalabschnitts, der hier über eine Schleuse erreichbar ist.

Foto: Jiří 7256 – 1024x768 (Flickr)

Die obere Einfahrt des Hebewerks Foto: Jiří 7256

Die Neutrassierung des Kanals 1976 – 2002

Ende der 1950er Jahre wurde beschlossen, den Kanal für Schiffe bis zu 1350 Tonnen auszubauen. 1963 begannen erste Modernisierungsarbeiten. Da es jedoch nicht möglich war, die vier alten Schiffshebewerke für größere Schiffe auszubauen, entschloss man sich 1976 dazu, den Kanal zwischen Seneffe und Thieu völlig neu zu trassieren. Zur Überwindung des Höhenunterschieds sollte nun ein einziges Schiffshebewerk bei Thieu gebaut werden. Zudem war der Bau einer Kanalbrücke über das Tal der Sart im Nordwesten von La Louvière notwendig. Im Jahr 1982 wurde mit dem Bau des neuen Hebewerks begonnen. Wie schon beim Bau des alten Kanals verzögerten auch dieses Mal Diskussionen über die Wirtschaftlichkeit des Projekts den Baufortschritt. Knapp 20 Jahre nach Baubeginn konnte das neue Schiffshebewerk Strépy-Thieu in Betrieb genommen werden. Allerdings verzögerte sich die Fertigstellung der Kanalbrücke Sart noch bis 2002. Damit war dann der durchgehende Verkehr möglich.
Für den Bau des neuen Kanalabschnitts wurden insgesamt 250 Häuser abgebrochen. An der Stelle, wo heute die Straßenbrücke den neuen Kanal überspannt, befand sich beispielsweise einst das Gemeindehaus von Thieu. Im Jahr 1990 wurde ein komplett neuer Gemeindeplatz erbaut. Die massiven Eingriffe in die Landschaft und die Ortsbilder sind heute ohne Kenntnis des Ursprungszustands nur noch zu erahnen.

Brücke über den neuen Kanalabschnitt in Thieu Foto: Jiří 7256

Schiffshebewerk Strépy-Thieu

© Jobs Weingart

Foto: Jiří 7256 – 1024x768 (Flickr)

© Jobs Weingart

Foto: Jiří 7256

Niederländisches Frachtschiff Stormvogel im linken Trog Foto: Jiří 7256

Der linke Trog kurz vor erreichen des oberen Tors, Foto: Jobs Weingart

Es handelt sich um eines der größten Schiffshebewerke der Welt: Die Stahlbetonkonstruktion ist 117 Meter hoch, die Schiffe überwinden eine Höhe von 73 Meter. Die obere Ein- und Ausfahrt wird über zwei Kanalbrücken von jeweils 170 Meter Länge erreicht. Die beiden Tröge sind 118 Meter lang, 16 Meter breit, 8 Meter hoch und wiegen in leerem Zustand jeweils etwa 2600 Tonnen. Je nach Wasserfüllstand und Gewicht des zu transportierenden Schiffs beträgt das Gesamtgewicht bis zu 8400 Tonnen. Sie werden mittels Stahlseilen hinaufgezogen, die von Elektromotoren angetrieben werden. Bei einer Geschwindigkeit von 0,2 m/s dauert es etwa sechs Minuten, um die obere Ebene zu erreichen. Insgesamt dauert eine Passage etwa 1 1/2 Stunden.

Der Betrieb lässt sich von der vor dem Hebewerk vorbeiführenden Straße gut beobachten. In deren Mitte befindet sich auch ein kleines Besucherzentrum. Der Name stammt von den beiden Orten Thieu (Ortsteil von Le Roeulx) und Strépy-Bracquegnies (Ortsteil von La Louvière).

Kanalbrücke Sart

Foto: Jiří 7256 – 1024x768 (Flickr)

2,5 Kilometer weiter in Richtung Charleroi befindet sich die Kanalbrücke Sart, nördlich von Houdeng-Goegnies gelegen. Auf einer Länge von 560 Meter überspannt sie eine Senke und einen großen Kreisverkehr.

Die Aufnahmen entstanden am 8. und 9. Oktober 2010.

Literatur:

Delmelle, Joseph: The Funicular Lift of Strépy-Thieu. Third edition. Mons 2003.

Wikipedia: Canal du Centre (Belgien). 2010.

Wikipedia: Schiffshebewerke des belgischen Canal du Centre. 2010.

Wikipedia: Schiffshebewerk Strépy-Thieu. 2010.

Canal du Centre: Offizielle Internetseite. 2010. (französisch / englisch)

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