Infokästen im digitalen Zeitalter

Infokasten des örtlichen Obstbauvereins in Esslingen-Zell, aufgenommen am 5. Juni 2011 Foto: Jiří 7256 – 1024x768

Trotz Facebook und Twitter, Smartphone und Tablet hält sich ein anachronistischer medialer Verbreitungskanal wacker im öffentlichen Raum: der Infokasten. Während im Städtchen Hornberg an der Schwarzwaldbahn kürzlich ein Vortrag unter dem Titel Change or die! – Warum web2.0 auch den Schwarzwald revolutioniert die Gewerbetreibenden im Zentrum für Innovation und Gewerbe aufschrecken sollte, werden hier die Kästen noch rege zur Informationsverbreitung benutzt, wie der Bildbeitrag vom 26. Oktober zeigt.

Trotzdem ist der Stern des Infokastens am sinken: Wie auch das oben abgebildete schöne Exemplar des Obstbauvereins in Esslingen-Zell stehen sie oft leer und verbreiten eine gespenstische Ruhe. Das Hornberger Beispiel zeigt allerdings, dass oftmals der Inhalt noch gespenstischer wirkt als ein leerer Kasten. Die Kultur des Infokastens wird mancherorts noch aktiv gepflegt. Sowohl Kommunen als auch Vereine und Verbände nutzen diesen Informationskanal nach wie vor.

Doch während beispielsweise die klassischen Werbeplakate durch Infoscreens ergänzt und ersetzt werden, scheint der Infokasten ohne adäquaten Nachfolger seinem Ende entgegenzustreben. Ersetzen werden ihn wohl Blogs, Soziale Netzwerke und RSS-Feeds, draußen im Ort wird man mittelfristig kaum noch auf Vereinsmeldungen und andere Bekanntmachungen stoßen. Dabei wäre der Infokasten an sich durchaus kompatibel mit dem „digitalen Zeitalter“. Man stelle sich ein 40 x 30 cm großes Display in einem solchen Kasten vor, entweder vernetzt mit dem Rechner des ÖA-Verantwortlichen der jeweiligen Institution oder versehen mit Schloss und USB-Anschluss. Die Stromversorgung könnte wie bei Parkscheinautomaten mittels Photovoltaik realisiert werden.

Ob es dazu je kommen wird, bleibt fraglich. Grund genug, einen Blick auf die gegenwärtige Situation der Infokästen zu werfen. Einige wurden an dieser Stelle bereits gezeigt, was jedoch nicht davon abhalten soll, sie hier der Vollständigkeit halber nochmals zu präsentieren.

Infokasten des Kraftsportvereins Lauffen am Neckar, aufgenommen am 1. Juli 2011 Foto: Jiří 7256 – 1024x768

Dieses Beispiel aus Lauffen am Neckar (Landkreis Heilbronn) zeigt deutlich die inhaltliche Nähe von Infokästen und Facebook: Partybilder.

Infokasten mit Raiffeisenbank-Werbung in Schlaitdorf, aufgenommen am 6. Mai 2011 Foto: Jiří 7256 – 1024x768

Bereits etwas mitgenommen ist dieses schlicht-schöne Exemplar in Schlaitdorf (Landkreis Esslingen) mit Werbung der örtlichen Raiffeisenbank. Oft sind die Kästen von lokalen Genossenschaftsbanken gesponsert, stehen jedoch zur inhaltlichen Gestaltung diversen Vereinen zur Verfügung. Dabei zeigen sich nicht selten längst überholte Logos der Banken, die sich sonst nirgends so wacker halten wie auf diesen Kästen.

Infokasten mit Sparkassen-Werbung in Wolfach, aufgenommen am 21. Oktober 2011 Foto: Jiří 7256 – 1024x768

Recht ähnlich zeigt sich dieser Kasten der Sparkasse in Wolfach (Ortenaukreis). Der Inhalt wurde offensichtlich schon länger nicht mehr ausgewechselt, folgendes ist gerade noch zu entziffern: Freizeit lebendig gestalten. Der Zettel hängt dort mindestens seit fünf Jahren, denn er zeigt noch das Logo des Zentralverbands Deutscher Kaninchenzüchter e.V. (ZDK), der sich 2006 in Zentralverband Deutscher Rassekaninchenzüchter e.V. (ZDRK) umbenannt hat.

Infokasten mit Kreissparkassen-Werbung in Mundelsheim, aufgenommen am 24. Juli 2011 Foto: Jiří 7256 – 1024x768

Bereits der Scheibe beraubt und offensichtlich nicht mehr in Benutzung ist dieser Kasten mit Werbung der Kreissparkasse in Mundelsheim (Landkreis Ludwigsburg). Er stand dem Turnverein 1902 Mundelsheim e.V. zur Verfügung, der sich offenbar ausschließlich auf neue Medien konzentriert.

Infokasten mit Raiffeisenbank-Werbung in Illingen-Schützingen, aufgenommen am 9. April 2011 Foto: Jiří 7256 – 1024x768

Noch in Verwendung ist dieser Kasten des Turnvereins 1908 e.V. in Illingen-Schützingen (Enzkreis). Er scheint schon etliche Jahre alt zu sein und zeigt ein recht altertümliches Logo.

Infotafel und Condomat in Altensteig, aufgenommen am 17. November 2010 Foto: Jiří 7256 – 1024x768

Bei diesem Exemplar in Altensteig (Landkreis Calw) handelt es sich nicht direkt um einen Infokasten, eher eine Infotafel. Die Funktion ist jedoch die selbe.

Infotafel in Bad Liebenzell, aufgenommen am 12. November 2010 Foto: Jiří 7256 – 768x1024

Diese apokalyptische Infotafel befindet sich in Bad Liebenzell (Landkreis Calw), dem nicht minder apokalyptischen Kurort im Nagoldtal.

Infokasten in Filderstadt-Bernhausen, aufgenommen am 28. Oktober 2011 Foto: Jiří 7256 – 768x1024

Auch Kirchen nutzen gerne Infokästen für missionarische Zwecke, wie dieses Beispiel aus Filderstadt-Bernhausen (Landkreis Esslingen) zeigt.

Foto: Jiří 7256 – 1024x768

Nur einige Meter weiter befindet sich ein kommunaler Infokasten, an dem Beerdigungstermine bekannt gegeben werden.

Infokasten des Obst- und Gartenbauvereins in den Weinbergen bei Stuttgart-Untertürkheim, aufgenommen am 30. Oktober 2011 Foto: Jiří 7256 – 1024x768

Dieser besonders schöne alte Kasten des Obst- und Gartenbauvereins Stuttgart-Untertürkheim wird offenbar nicht häufig aktualisiert, er informiert über das komplette Jahresprogramm.

Infokasten des Obst- und Gartenbauvereins in den Weinbergen bei Stuttgart-Obertürkheim, aufgenommen am 30. Oktober 2011 Foto: Jiří 7256 – 768x1024

Die Kollegen in Obertürkheim kündigen Veranstaltungen einzeln an, kommen allerdings mit dem Aktualisieren nicht nach, die beworbene Veranstaltung lag zum Zeitpunkt der Aufnahme schon fast zwei Monate zurück.

Infokasten des Schwäbischen Albvereins in Stuttgart-Untertürkheim Foto: Jiří 7256 – 1024x768

Leer steht dagegen dieser Infokasten der Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins in der Ortsmitte. Mit diesem Exemplar endet zunächst der Blick auf die aktuelle Situation.
 
Ob die Tage des Infokastens bald gezählt sind, oder ob er sich doch noch an die moderne Zeit anpassen wird, wird die Zukunft zeigen. Mit seinem allmählichen Verschwinden sind nicht alle einverstanden, wie ein Zeitungsartikel aus der Schweiz zeigt. Doch es gibt auch Fälle, in denen Internet und Infokasten zu gegenseitig vernetzten Medien werden. So weist etwa die Freiwillige Feuerwehr Warstade auf ihrer Internetseite darauf hin, dass am Infokasten beim Feuerwehrhaus alle wichtigen Infos, Events und Neuigkeiten rund um die Feuerwehr und Jugendfeuerwehr Warstade veröffentlicht werden. Auch die CSU-Ortsgruppe Erlangen West meldet auf der Infoseite: Informationen und relevante Termine sind ab sofort im Schaukasten des OV-West zu finden. Der Standort in Büchenbach Dorf ist in der Nähe der Sparkasse und der Bäckerei so gewählt, dass man sich – sozusagen im Vorbeigehen – über Aktuelles im Ortsverband informieren kann.
 
Das beste Beispiel für die Vernetzung von Online- (Facebook) und Offline- (Infokasten) Medium lieferte allerdings der Ort Obermutten im schweizerischen Kanton Graubünden. Wie das Magazin t3n berichtet, verkündete Gemeindepräsident Martin Wyss via Youtube: …wir nehmen Sie persönlich, das ist unser Motto, darum werden wir von jedem unserer Fans ein Foto an unseren Anschlagkasten hängen. Mit Fans waren Fans auf Facebook gemeint und die Aktion brachte den Kasten bald zum überquellen, gar aus Südkorea war jemand dabei. Daraufhin stellte ein Landwirt die Wand einer Scheune zur Verfügung, die mittlerweile mit über 2.500 Fotos verziert ist.

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=QEjoA_695Fo&w=640&h=355]
 
Literatur:

Aargauer Zeitung: Anschlagkästen gehören bald der Vergangenheit an. 2011.

CSU-Ortsgruppe Erlangen West: Infoseite. 2011.

Freiwillige Feuerwehr Warstade: „Infokasten“ der Freiwilligen Feuerwehr Warstade. 2011.

t3n: Facebook: Schweizer Bergdorf erregt Aufsehen bis Südkorea. 2011.

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