City Einkaufspark Pforzheim

Foto: Jiří 7256 – 1024×768

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Ein liebenswerter „Lost Place“ in der Goldstadt

Am Rande der Pforzheimer Innenstadt befindet sich der einstige „City Einkaufspark“, ein imposantes Einkaufszentrum im Stil der frühen 1980er-Jahre. Der Komplex, der auch Arztpraxen, Büroräume und ein Parkhaus umfasst, hört heute auf den eher unglamourösen Namen „G19“. Während im unteren Bereich des Centers nach wie vor einige Geschäfte untergebracht sind, dient ein Großteil der einstigen Verkaufsfläche heute anderen Zwecken, etwa als Fitness-Studio oder Discothek. Zuletzt wurden einige der Räume gar als Klassenzimmer für ein benachbartes Gymnasium genutzt, viele stehen leer. Die prominente Front zur Goethestraße hin wurde mittlerweile völlig umgestaltet, die übrigen Fassaden sind dagegen noch weitgehend im geschmackvollen Originalzustand in Weinrot und Rosa erhalten. Durch die ohne Rücksicht auf das gestalterische Konzept des Baus ausgeführten Umbauten sowie die vielen leerstehenden Räume haftet dem Komplex ein faszinierend dystopischer Charakter an.

Er wurde 1983 auf dem ehemaligen Firmengelände des Elektrotechnikunternehmens Doduco errichtet, das damals im Industriegebiet Altgefäll eine neue Heimat fand. Bauherr war der Pforzheimer Bankier Heinz Steinhart, der später wegen Betrugs und Untreue inhaftiert wurde und danach als „Bäderkönig“ mit dem Bau von Spaßbädern von sich reden machte, wobei er abermals mit der Staatsanwaltschaft zu tun bekam. Neben Einzelhandelsgeschäften beherbergte der Komplex anfangs auch die Räumlichkeiten von Steinharts Privatbank.

Architektonisch ist der Center in einem Stil gehalten, der typisch für die späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre ist, eine Mischung aus Beton- und Metallfassaden. Gegenüber dem Brutalismus der 1960er- und frühen 1970er-Jahre wurden die Betonelemente hier zwar noch sichtbar belassen, man hat sie jedoch rosa eingefärbt. Zusammen mit den weinrot gehaltenen Metallelementen ergibt sich so ein stimmiges Farbbild. Die Halle in der Mitte des Einkaufsbereichs hat einen achteckigen Grundriss. Die sich daraus ergebenden 45-Grad-Winkel wiederholen sich an zahlreichen Stellen, etwa an den Dachverkleidungen, an den Grundrissen der Stützpfeiler bis hin zu den Hinweisschildern, die ebenfalls achteckig ausgeführt wurden. Selbst beim Logo wurde diese Form aufgegriffen, es bestand aus einem stilisierten „C“. Oberhalb der Einkaufsetagen befinden sich penthouseartige Büro- und Praxisräume mit teilweise langen Glasfassaden, die über ein Labyrinth an Terrassen und Feuertreppen miteinander verbunden sind.

Ungünstiger Standort am Rand der Innenstadt

Der City Einkaufspark litt von Anfang an unter der relativ weiten Entfernung zur eigentlichen Stadtmitte. Um diesem Nachteil entgegenzuwirken, integrierte man an der Zerrenerstraße ein großes Parkhaus, das über einen überdachten Steg direkt mit der oberen Einkaufsetage verbunden ist. Zudem wurde ein weiterer Fußgängersteg über die Goethestraße angelegt, der den Zugang von der Westlichen Karl-Friedrich-Straße aus ermöglichte. Dieser ist leider mittlerweile nicht mehr vorhanden.

Schon in den ersten Jahren konnten nicht alle Ladenflächen vermietet werden. Um Leerstand zu vermeiden, siedelte der Betreiber eigene Tochterunternehmen in diesen Geschäften an, etwa ein Sport- und ein Spielwarengeschäft. Als das Bankhaus Steinhart 1988 von der Bankenaufsicht geschlossen wurde, verschwanden auch diese Geschäfte und das Scheitern des Centers wurde offensichtlich.

Mitte der 1990er-Jahre fand sich im „City“ außer dem Supermarkt, damals noch Neukauf, die übliche Mélange, die ein dahinsiechendes Einkaufszentrum seinerzeit zu bieten hatte: ein Grußkartenladen, ein improvisiertes Tattoo- und Piercing-Studio, Billigmodeketten, ein Dönerladen. Schon damals haftete dem Center ein kaputtes Image an. Das Parkhaus galt als beliebter Ort für Suizide.

Vom „City“ zur „Goethe Galerie“

Als von 1996 bis 1997 auf der gegenüberliegenden Straßenseite das neue Volksbankhaus errichtet wurde, zog die Volksbank Pforzheim vorübergehend in die Räume der einstigen Privatbank ein. Bald danach wechselte der Center zum ersten Mal seinen Namen und wurde in „Goethe Galerie“ umbenannt, nach der Goethestraße, an der er sich befindet. Damals fanden erste Eingriffe in das gestalterische Konzept statt, indem die alten, achteckigen Schilder weitgehend entfernt wurden.

Doch auch der damalige neue Hauptmieter, die Modekette Adler, hielt sich nur bis 2003. Im Jahr darauf wurde der Steg über die Goethestraße wegen Baufälligkeit abgebrochen. Damals liefen bereits die Bauarbeiten für die neue Schlössle-Galerie, ein in unmittelbarer Nachbarschaft, jedoch günstiger zum Zentrum gelegenes Einkaufszentrum. Deren Eröffnung im Jahr 2005 schien den endgültigen Untergang des „City“ zu bedeuten.

Ironischerweise lief die Schlössle-Galerie von Anfang an gut, doch für zwei Center mit einer solch großen Ladenfläche war kein Bedarf. Daher wurde der „City“ im folgenden Jahr grundlegend umgebaut. Als Einkaufszentrum blieben nur die unteren beiden Geschosse erhalten, die Stockwerke darüber wurden für allerlei andere Zwecke hergerichtet. Dabei wurde mit billigsten Mitteln gearbeitet. Weder wurde Rücksicht auf die architektonische Gestalt des Centers genommen, noch wurde sich bemüht, den Kunden eine ansprechende Einkaufsatmosphäre zu bieten. Anstelle der einstigen Schaufenster wurden Wände eingezogen, die Rolltreppen zu den oberen Geschossen wurden stillgelegt und durch Schilder versperrt. Die Fassade zur Goethestraße hin wurde komplett neu in blaugrau mit Metallelementen gestaltet. Zudem wurde der Name abermals geändert und lautet seither „G19“.

In den verbliebenen Ladengeschäften findet sich die Crème de la Crème der Handelsketten: TEDi, Penny Markt, KIK, Baby Walz. Denns Biomarkt hat den Center zwischenzeitlich wieder verlassen. In den oberen Stockwerken haben sich ein Fitness-Studio und eine Discothek niedergelassen. Ein großer Teil der Fläche steht nach wie vor leer, insbesondere die Dachgeschossräume, die vermutlich einst unter anderem für repräsentative Büros konzipiert waren.

2011 geriet der Center in die Schlagzeilen, als es am Eingangsbereich der Discothek „Musikpark“ zu einer Schießerei kam. Aus einem vorüberfahrenden Wagen wurden Schüsse aus einer Maschinenpistole abgefeuert, wobei die Leuchtreklame zu Bruch ging.

Eine kreative Zwischennutzung erfuhren einige Räume im Jahr 2013. Da das benachbarte Theodor-Heuss-Gymnasium als einziges in der Stadt den neunjährigen Zug (G9) anbot, wurde es geradezu von Schülern überlaufen. In der Not mietete sich die Schule einige ungenutzte Räume in einem der oberen Geschosse des „City“ an und funktionierte sie zu Klassenräumen für Oberstufenschüler um. „Lernen im Einkaufszentrum – G9-Invasion fordert Gymnasium heraus“ schrieb die „Badische Zeitung“ damals unter Bezug auf einen weit verbreiteten DPA-Bericht. Die Relikte dieses Provisoriums sind noch heute zu sehen, ebenso wie die eines weiteren Zwischenspiels auf derselben Etage. Direkt nebenan befand sich bis vor Kurzem das „Indoor-Spielparadies Schildiplay“, wovon noch zurückgelassene Utensilien und Wandmalereien zeugen.

Wie zahlreiche ähnliche Bauten in Westdeutschland siecht der „City“ weiter dahin, unten ein kläglicher Rest an Shoppingangebot, oben Fitness-Studio, Disco und dystopische Leere.

Ufoport Glufenteich führt auf einem bebilderten Rundgang durch den charmanten Endzeit-Center.

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Betritt man das „G19“ über den Haupteingang, der sich etwas erhöht über der abschüssigen Goethestraße befindet, fallen einem direkt die beiden „Ankermieter“ TEDi und KIK in’s Auge. Links befindet sich ein weiteres Bekleidungsgeschäft und ein Proteinladen. Im Basement befindet sich der Penny Markt, einstmals Neukauf. Die Rolltreppe, die in das nächsthöhere Stockwerk führt, ist durch einen Wegweiser versperrt und außer Betrieb.

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Nach oben gelangt man über eines der Treppenhäuser oder einen der Fahrstühle. Besonders in der großen Halle, einst glamouröses Herz des Centers, bietet sich ein gespenstischer Anblick. Wo sich einstmals die Schaufenster befanden, stehe jetzt sterile weiße Wände.

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In den zwischenzeitlich als Klassenzimmer genutzten Räumen hängen noch Plakate an der Wand, auch die Schultafeln sind noch vorhanden. Das Licht funktioniert, die Räume sind zugänglich, alles wirkt wie gestern erst verlassen.

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Direkt nebenan befand sich das „Indoor-Spielparadies Schildiplay“, das jetzt ein ähnliches Bild bietet: Malereien an der Wand, ein zurückgelassener Frosch, auf dem Tresen steht noch der Zuckerstreuer.

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Über eines der Treppenhäuser gelangt man auf das Dach, wo sich mehrere Aufbauten befinden, die allesamt verlassen sind. Eine Feuertreppe führt bis nach vorne an die Front zur Goethestraße. Hier zeigt sich, dass lediglich diese Seite des Komplexes beim Umbau 2007 neu gestrichen wurde. Alle rückwärtigen Gebäudeteile sind noch in den Originalfarben belassen.

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Von hier oben bietet sich zudem ein Blick auf das Parkhaus und die jenseits der Zerrenerstraße befindlichen Gymnasien.

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Ein anderes Treppenhaus, in dem bereits die Beleuchtung defekt ist, bietet einen Zugang zu den Dachterrassen auf der Westseite. Auch alle hier befindlichen Räume sind ungenutzt.

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Das Parkhaus ist über diesen futuristisch anmutenden Steg im ersten Stock mit dem Haupttrakt verbunden. Der Aufzug im Parkhaus ist außer Betrieb.

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Im Erdgeschoss hat sich noch ein letztes Schild im Ursprungsdesign erhalten, ein Übersichtsplan des Centers. Man beachte das stilvolle Logo.

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Daneben zeugt diese „interaktive Karte“ in Form eines Leuchtkastens mit Glühbirnen zur Positionsbestimmung verschiedener Geschäfte in der Stadt vom prädigitalen Zeitalter. Leider ist sie defekt.

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Von diesem Schild auf dem zweiten Parkdeck blieb dagegen nur der Rahmen übrig.

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Vogelkot und ein mit Kabelbindern notdürftig zusammengeflicktes Netz (zur Taubenabwehr?) verleihen den oberen Etagen des Parkhauses ein unwirtliches Ambiente.

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Vom oberen Parkdeck bietet sich ein guter Ausblick auf den verwinkelten Komplex mit seinen verspielten Aufbauten.

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Hier befand sich einst „Manni’s Fahrschule“. Die Galerie entlang der Goethestraße, die bis zum einstigen Steig an der Hauswand entlangführte, ist nicht mehr durchgängig passierbar.

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So zeigt sich die Front des „G19“ heute. Das Foto wurde von der Dachterrasse der Schlösslegalerie aufgenommen.

Die Aufnahmen entstanden am 30. September 2016.

Links

Badische Zeitung: Lernen im Einkaufszentrum – G9-Invasion fordert Gymnasium heraus

Stadtwiki Pforzheim-Enz: G19

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