Skopje 01/12 – Kenzo Tanges Utopia

© Jiří 7256

– Stadtportrait in zwölf Teilen –

01 Kenzo Tanges Utopia
02 Was das Erdbeben übrig ließ
03 Skopje 2014
04 Post- und Telekommunikationsgebäude
05 Der alte Bahnhof
06 Der neue Bahnhof
07 Мастерком
08 Pac Man
09 Autofriedhof am Ufer des Vardar
10 Stadtbusse
11 Киндер
12 Luna Park

Spuren der unvollendeten Utopie

Die mazedonische Hauptstadt Skopje zeigt sich dieser Tage als eine Ansammlung von Baustellen, insbesondere entlang der Nordseite des Flusses Vardar reiht sich ein Rohbau an den anderen. Was daraus einst entstehen wird, soll im dritten Teil dieser Serie näher betrachtet werden. Hier steht zunächst das im Mittelpunkt, was die etwa eine halbe Million Einwohner zählende Balkanmetropole bis heute am eindrucksvollsten prägt: die Idee einer modernen Planstadt, die größtenteils auf den japanischen Architekten Kenzo Tange zurückgeht.

Dass es dazu kam, ist der wohl größten Naturkatastrophe geschuldet, die das damalige Jugoslawien je erlebt hat. In den Morgenstunden des 26. Juli 1963 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 6,1 auf der Richterskala die Stadt, in weniger als einer Minute waren etwa 80% der Gebäude zerstört. Über 1.000 Menschen kamen ums Leben, über 3.000 wurden verletzt und etwa 200.000 waren obdachlos.

Das Beben löste mitten in der Hochphase des Kalten Kriegs eine Welle der Solidarität und Unterstützung aus, Hilfe kam sowohl aus Westeuropa und den USA als auch aus Staaten des Warschauer Pakts, mit denen sich Jugoslawien unter Präsident Tito bereits Ende der 40er Jahre überworfen hatte. Zahlreiche Städtepartnerschaften gehen auf dieses Ereignis zurück, so auch die mit Dresden und Nürnberg.

Visionen der Moderne

Die größte Herausforderung war zunächst, vor Einbruch des Winters ausreichend Unterkünfte für die Obdachlosen zu schaffen. Dabei kamen mit Vorliebe Betonfertigteile zum Einsatz und binnen kurzer Zeit entstanden komplette Stadtteille völlig neu. Demgegenüber konzentrierten sich die Aktivitäten in der Innenstadt auf Aufräumarbeiten. Während die dringend notwendigen Wohnsiedlungen unmittelbar nach der Katastrophe in schlicht-funktionalem Stil der 60er Jahre gehalten wurden, traten beim Wiederaufbau der Innenstadt gestalterische Aspekte mehr in den Vordergrund.

Am heftigsten getroffen hatte die Katastrophe die Innenstadt südlich des Vardar. Dort befanden sich zuvor neo-klassizistische Bauten des 19. und 20. Jahrhunderts, die unter serbischem Einfluss entstanden waren. Viel ist hiervon nicht erhalten, doch neben der berühmten Ruine des alten Bahnhofs, der erst 1940 eingeweiht worden war, finden sich zwischen den Betonbauten hier und da noch Relikte dieser untergegangenen Epoche. Die osmanische Altstadt nördlich des Vardar war weit weniger betroffen und zeigt sich noch heute weitgehend intakt.

Die Verwaltung beschloss, die fast vollkommen zerstörte Innenstadt völlig neu zu strukturieren und nach seinerzeit modernen Gesichtspunkten zu gestalten. Hierzu wurde ein städtebaulicher Wettbewerb ausgerufen, an dem sich internationale und jugoslawische Architetkurbüros beteiligten. Der Preis wurde im Verhältnis 60:40 aufgeteilt zwischen dem berühmten japanischen Architekten Kenzo Tange und den Kroaten Radovan Miščević und Fedor Wenzler. Letztere überzeugten offenbar durch einen effizientes und praktisches Vorgehen beim Wiederaufbau, Tanges Entwurf wurde wegen seiner hohen gestalterischen Qualität geehrt.

Stadtmauer und Stadttor

Tanges Plan sah eine ringförmige Verkehrsführung um das Stadtzentrum herum vor. Zwischen dem inneren und äußeren Ring sollten sich in einheitlicher Gestaltung hochverdichtete Wohneinheiten befinden, während innerhalb des inneren Rings Platz für individuell gestaltete öffentliche und repräsentative Gebäude war. Die halbkreisförmigen Wohnblocksiedlungen stellen nach Tanges Symbolik die Stadtmauer dar, während das Stadttor im Osten gekennzeichnet ist durch Verkehrs- und Ökonomiebauten. Hier befinden sich Bahnhof und Busbahnhof sowie die Mazedonische Nationalbank, alles entworfen von Kenzo Tange persönlich.

Das Nationalbankgebäude von Kenzo Tange Foto: Jiří 7256

Der Plan wurde jedoch nur teilweise umgesetzt. Die Stadtmauer erstreckt sich nur halbkreisförmig südlich des Vardar, im Norden wurde sie nie gebaut. Ebenso ist der äußere Ring nicht vollständig, eine Untertunnelung des Hügels mit der Festung Kale wurde nie realisiert. Daher fließt der Verkehr im Nordwesten der Stadt komplett über den inneren Ring, der somit eine enorme Barriere zwischen der Altstadt und dem nördlichen Vardarufer darstellt. Stuttgartern dürften solche Phänomene von der Kulturmeile bestens bekannt sein.

Der innere Ring nördlich des Vardar, im Hintergrund die Einkaufspassage Stokovna Kuka Most aus dem Jahr 1982 Foto: Jiří 7256

[googlemaps http://maps.google.de/maps/ms?msa=0&hl=de&ie=UTF8&vpsrc=6&msid=210119284032764180356.0004aaf6b64d87aefcc5c&ll=41.996753,21.433511&spn=0.015309,0.027423&z=15&output=embed&w=640&h=480]

Die Stadtmauer ist auf der Karte durch den roten Balken markiert.

Die Stadtmauer an der Ulica Mito Hadživasilev Jasmin Foto: Jiří 7256

In soziokultureller Hinsicht verfolgten die Planer die Absicht, dass die deutliche ethnische Trennung der einzelnen Stadtviertel aufgelockert werden sollte. Während südlich des Vardar hauptsächlich slawische, orthodoxe Mazedonier lebten, hatten die muslimischen Albaner und Türken ihr kulturelles Zentrum traditionell in der osmanischen Altstadt nördlich des Flusses. Die Roma wiederum lebten in eigenen Siedlungen, vorwiegend am nördlichen Stadtrand. Es zeigte sich jedoch, dass solche Vorgänge schwer planbar sind und dass letztlich das genaue Gegenteil eintrat.

„everyone’s and no one’s no place“

Offenbar wurde die Größe der Wohneinheiten zu sehr an Standards von Industriegesellschaften angepasst, weshalb sie wohl für die in größeren Familienverbänden lebenden Roma unattraktiv waren. Doch auch Albaner und Slawen bezogen bevorzugt separate Wohnquartiere. Die Ufer des Vardar sollten eigentlich das verbindende Element zwischen beiden Seiten werden, die Architekturtheoretiker Katharina Urbanek und Milan Mijalkovic bezeichnen sie heute als Pufferzone und everyone’s and no one’s no place. Besonders am nördlichen Ufer ehrheben sich hier derzeit die Baustellen für das Projekt Skopje 2014.

Blick von Westen auf die Brücke Kamen Most, links die Baustellen für Skopje 2014, rechts die Innenstadt der 60er und 70er Jahre Foto: Jiří 7256

Ansonsten ist das Flussufer gesäumt von den unterschiedlichsten Bauten und Einrichtungen: Bars und Cafés, ein illegaler Taxistand und eine belebte Einkaufspassage in astreinem 70er-Jahre-Stil. Am Ploštad Makedonija, dem großen Platz am Südufer des Vardar, erhebt sich seit einigen Wochen die gigantische Alexander-Statue, während im Westen ein abgehalfterter Luna Park sein Dasein fristet und eine gratis Zeitreise in die 80er Jahre bietet. Einige Meter höher thront die 2009 errichtete US-Botschaft, die größer wirkt als das mazedonische Parlamentsgebäude.

Die US-Botschaft über dem Vardar-Tal Foto: Jiří 7256

Die Einkaufspassage Gradski Trgovski Centar am südlichen Ufer des Vardar Foto: Jiří 7256

In der Innenstadt hat der Zahn der Zeit mittlerweile seine Spuren an den Gebäuden hinterlassen. Doch anders als in vielen deutschen Städten, wo solche Blockbebauung meist in periphären Bezirken errichtet wurde und heute dank steriler Grünanlagen und Verbotschildern gespenstische Öde verbreitet, ist sie hier mit Leben gefüllt. Zwischen den Wohnblocks wird Markt abgehalten, es finden sich zahlreiche Restaurants und Bars und die Stadt zeigt sich Dank zahlreicher Bäume nicht nur grau, sondern auch grün.

Bars und Cafés in der Ulica Makedonija, der Fußgängerzone im Stadtzentrum, im Hintergrund die Stadtmauer Foto: Jiří 7256

Blick von der Festung Kale auf den inneren Ring und die Stadtmauer Foto: Jiří 7256

Szene am inneren Ring, Bulevar VMRO Foto: Jiří 7256

Gestalterisch zeigt sich die Stadtmauer einheitlich, mit ständig wiederkehrenden Elementen wie den drei Lüftungsfenstern auf dem folgenden Foto:

Foto: Jiří 7256

Demgegenüber befinden sich im inneren des Rings neben einzelnen Relikten aus der Zeit vor dem Erdbeben zahlreiche unterschiedliche Gebäude, von schlicht bis extravagant. Deren auffälligstes ist sichlerlich das Post- und Telekommunikationsgebäude des mazedonischen Architekten Janko Konstantinov. Es wurde in mehreren Baustufen zwischen 1974 und 1989 errichtet und markiert damit das Ende der Rekonstruktion der Stadt. Weitere Projekte wurden nicht mehr realisiert und stadtplanerisch tat sich in den Jahren vor und nach der Loslösung Mazedoniens von Jugoslawien nicht viel.

Das Post- und Telekommunikationsgebäude Foto: Jiří 7256

Wohngebäude beim Ploštad Makedonija Foto: Jiří 7256

In der Ulica Dame Gurev, im Hintergrund die Stadtmauer Foto: Jiří 7256

Die Architektur dieser Periode genießt im heutigen Skopje keinen besonders guten Ruf. Sie wird im Allgemeinen mit der heute gerne ausgeblendeten Epoche des sozialistischen Jugoslawien in Verbindung gebracht, auch Erinerungen an das Erdbeben werden damit verbunden. Ähnlich wie in Deutschland gibt es auch hier nur eine geringe Anhängerschaft dieser architektonischen Schaffensperiode. Ein Bewohner attestierte den Wohnhäusern der 70er Jahre allerdings großen komfort und bessere Qualität als den nach der Jahrtausendwende errichteten Bauten.

Interesse an der beeindruckenden Stadtkulisse zeigt sich jedoch in der Architekturszene, die gerade mehr und mehr die sozialistische Moderne in den Fokus nimmt. So präsentierte die Architekturgalerie am Weißenhof in Stuttgart im Frühjahr unter dem Titel Skopje – die vergessene Moderne eine von Maren Harnack und Biljana Stefanovska kuratierte Ausstellung zu Kenzo Tanges Entwurf und dem, was heute daraus geworden ist. Kürzlich erschien im österreichischen Verlag Wieser zudem ein sehr interessantes Buch zu Skopjes Architektur von Milan Mijalkovic und Katharina Urbanek: Skopje. The World’s Bastard. Architecture of the divided city.

Zur identitätsstiftenden urbanen Kulisse konnte sich Tanges utopische Vision (noch?) nicht entwickeln. Heute basteln die Verantwortlichen an einem neuen Versuch, dies zu realisieren. Ob die dazu ausgesuchten Stilmittel die richtigen sind, wird die Zukunft zeigen. Mehr dazu im dritten Teil. Im folgenden Teil wird zunächst das beleuchtet, was nördlich und südlich des Vardar aus Zeiten vor dem Erdbeben erhalten geblieben ist.

Hochhaus gegenüber des alten Bahnhofs Foto: Jiří 7256

Die Aufnahmen entstanden zwischen dem 8. und 14. August 2011.

Literatur:

Architekturgalerie am Weißenhof: Skopje – die vergessene Moderne. 2011.

Mijalkovic, Milan und Urbanek, Katharina: Skopje. The World’s Bastard. Architecture of the divided city. Klagenfurt / Celovec 2011.

Reiterer, Gabriele (derStandard.at): Die verlorene Geschichte Skopjes. 2011.

Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Hochhäuser abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.